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Botenstoffe

Date: 25.04.2026 - 09.08.2026

Führungen am Eröffnungswochenende: 25. & 26.04.2026, 15:00 Uhr

mit Sabrina Asche, Bérénice Gaça Courtin, Kyungah Ham, Lucy + Jorge Orta, Indrė Šerpytytė, Hussein Shikha

Textilien sind in unserem Alltag so selbstverständlich wie allgegenwärtig. Doch bei genauerer Betrachtung eröffnen sie ein komplexes Spannungsfeld. Diese Ausstellung lässt Stoffe zu Boten werden und macht sichtbar, wie eng Stoffe, Kleidungen und Gewebe mit sozialen, ökologischen und historischen Prozessen verknüpft sind.

Wie bei vielen Konsumprodukten werden auch in der Mode- und Textilindustrie die ausbeuterischen Produktionsbedingungen gegenüber Mensch und Natur durch die globale Arbeitsteilung verschleiert. Konsumentinnen und Konsumenten im Westen, die Konfektionsware in den Filialen großer Modeketten kaufen, sind die Zusammenhänge zu den schlecht bezahlten und oft gefährlichen Arbeitsbedingungen in den Textilzentren Südostasiens, der Türkei und Nordafrikas kaum bewusst. Auch verblassen die Erinnerungen an das riesige Industrieproletariat, das durch die revolutionären Erfindungen der Textilindustrie einst in Europa geschaffen wurde, und an die damit einhergehenden Transformationsprozesse und sozialen Kämpfe. An die engen Zusammenhänge zur kolonialen Expansion und zum transatlantischen Sklavenhandel sollte immer wieder erinnert werden. Genauso gerät mit den Fertigprodukten der globalen Handelsketten auch das Wissen und die Fertigkeiten um die einzelnen Schritte des Spinnens und Webens, Färben und Bedruckens, des Nähens, Strickens und Stickens zunehmend in Vergessenheit. Das betrifft das Hunderttausende Jahre alte Handwerk wie die textile Innovationsgeschichte der Moderne oder auch das simple Reparieren.

Egal ob Teppich oder Hemd – in Textilien sind Nutzwert und symbolische Funktionen eng miteinander verbunden. Aufwändige Stickbilderserien und Wandteppiche erzählen von Schöpfungsmythen, Heiligen- und Ahnengeschichten und sind Bestandteil religiöser Zeremonien. Egal ob vom „Stoff“ eines Romans oder „rotem Faden“ die Rede ist, textile Metaphern prägen die Erzählkunst wie sich der „Text“ und das „Textil“ auch den gemeinsamen Wortstamm teilen, der sich vom lateinischen „texere“ für weben herleitet. Diejenigen, die also Textilien zu lesen verstehen, können sich verborgene Botschaften entschlüsseln. In Charles Dickens Roman „Eine Geschichte aus zwei Städten“ (1859) ist das scheinbar harmlose Stricken ein Geheimregister für das Fortschreiten der Französischen Revolution. Im Werk der strickenden Frauen werden die Namen ihrer Feinde festgehalten, die unter der Guillotine den Kopf verlieren werden.

Ebenfalls am Beginn der Revolution zum modernen Industriekapitalismus stehen einige technische Erfindungen, die bis heute fortwirken. Der Jacquard-Webstuhl erlaubte zum Beispiel eine mit Lochkartenketten vorprogrammierte Steuerung der Kettfäden und damit eine schnelle Produktion aufwendiger Webmuster. Deshalb gilt er sogar als ein Vorläufer der Computertechnik. Aufgrund ihrer unendlichen Möglichkeiten begeistert diese Erfindung bis heute Künstlerinnen und Künstler. Mit ihr lässt sich über neue Verbindungen zwischen Stoffen, Mode und virtuellen Welten nachdenken.

Weil die Textilien die Menschheitsgeschichte begleiten, erzählt diese Ausstellung von alter Handwerkskunst, die Geschichte der Industrialisierung bis zur Digitalisierung. Dabei wohnt den Stoffarbeiten ein ganz eigenes kritisches Potential inne: Obwohl die moderne Kunst und Abstraktion zahlreiche Anregungen aus der Textilkunst – auch aus nicht europäischen Traditionen – erhalten haben, wird ihre Bedeutung häufig verkannt, ihre Werke in die Bereiche des Angewandten oder der Hobbykunst verwiesen. Dieser Haltung setzen zeitgenössische Positionen ihre Kritik und Erzählweisen entgegen, die sich außereuropäischen Traditionen widmen. Ihre Assoziation mit weiblicher Hausarbeit ließ im Zuge feministischer Kunstbewegungen Stricken und Nähen zu einer politischen Geste des Protestes gegen das Patriarchat in Gesellschaft und Kunst werden.

Anders als auf der bemalten Leinwand ist der gefärbte Faden in den Stoff gewirkt. Textilkunstwerke sind also nicht nur bloße Informationsträger. In dieser innigen Verbindung von Inhalt und Form stellt diese Ausstellung sie als „Botenstoffe“ heraus. So regt diese Ausstellung die Besucherinnen und Besucher an, Stoffe wieder „lesen“ zu lernen. Sie stellt künstlerische Positionen vor, die Techniken des Knüpfens, Webens, Nähens nutzen, um Geschichten zu erzählen, Gemeinschaften zusammen zu bringen und über historische und aktuelle globale Zusammenhänge aufzuklären.