Ausstellungen

In großzügigen Räumen der Leipziger Baumwollspinnerei präsentieren wir zeitgenössische Kunst aus der ganzen Welt. Unsere wechselnden Gruppenausstellungen nehmen kritisch auf Zeitfragen Bezug, fordern Rezeptionsgewohnheiten heraus und rücken im Westen weniger beachtete Kunstregionen in den Fokus.

Kriegstrommeln

Datum: 05.09.2026 - 05.12.2026

Chang Li-Ren, Dennis Delgado, Anna Engelhardt & Mark Cinkevich, Juliane Jaschnow, Jonathan McNaughton, Koel Sen, Mikhail Tolmachev, Miloš Trakilović, Amin Yousefi

Führungen am Eröffnungswochenende: 05.09. & 06.09.2026, 15 Uhr

„Nie wieder Krieg!“ – nach den massenmörderischen Katastrophen zweier Weltkriege war dies mehr als ein Appell, es war ein friedenspolitischer Imperativ. Selbst der irrsinnige Rüstungswettlauf des Kalten Krieges erschien rückblickend noch eingebettet in eine paradoxe Friedensordnung gegenseitiger Abschreckung. Selbstverständlich verschwanden Kriege auch damals nicht. Als tödliche Stellvertreterkonflikte zweier sich feindlich gegenüberstehender Blöcke waren sie Teil des bedrohlichen Machtspiels zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus schien diese Geschichte beendet: Globale Märkte, multilaterale Institutionen und wirtschaftliche Verflechtungen versprachen, militärische Konfrontationen nicht nur zu ersetzen, sondern geradezu obsolet zu machen. Kriege, so die Hoffnung, würden widersinnig – und damit unwahrscheinlich. Es gab sie freilich dennoch! Die sogenannten „Neuen Kriege“ wurden mobil geführt, asymmetrisch, technologisch überformt, häufig als „chirurgische Eingriffe“ legitimiert.

Nun hat sich „die Zeit“ abermals gewendet: Mit den russischen Überfällen auf die Ukraine 2014 und 2022 kehrte der offene Angriffskrieg nach Europa zurück. Als sich die Autokraten aus China und Russland, Xi Jinping und Wladimir Putin, 2023 im Kreml trafen, erklärten sie, einen weltgeschichtlichen Wandel voranzutreiben, wie es ihn seit hundert Jahren nicht gegeben habe. Rückblickend wird deutlich, dass sich schon viel früher aus der multilateralen Friedensordnung begann, ein neues multipolares Ringen der Großmächte um Einflusszonen zu entfesseln. Neben den USA und China beanspruchen Russland, die Europäische Union, Indien oder Saudi-Arabien wachsenden Einfluss. Es ist eine Erkenntnis, deren gedankliche und praktische Konsequenz immer noch nicht ganz greifen möchte: Also nun doch wieder Krieg! Mit Carl von Clausewitz grüßt das 19. Jahrhundert: Das Chamäleon des Krieges erscheint wieder als bloße Fortsetzung der Geopolitik mit anderen Mitteln. Die Trommeln des Krieges dröhnen.

Mit welchen Kriegsschauplätzen wartet die nahe Zukunft auf? Spitzbergen in der Arktis, eine Insel Finnlands, Grönland, Moldawien, Kosovo, Taiwan, Pakistan… Mit Russlands gewaltsamer Eroberung der Krim 2014 hat wohl das „dritte Nuklearzeitalter“ begonnen. Global Zero, die Initiative von Barack Obama für eine atomwaffenfreie Welt von 2009 wirkt heute ferner denn je. Im nicht enden wollenden Atomzeitalter bedeutet jeder Konflikt mit und zwischen Nuklearmächten ein Risiko globaler Vernichtung. Wer wird sich demnächst Eintritt in den Club der fünf offiziellen und vier de-facto Atommächte verschaffen? Zugleich wächst in der Logik gegenseitiger Abschreckung die Gefahr unbeabsichtigter Eskalationen – durch Fehlkalkulation, Missverständnisse oder Unfälle.

Doch der Mensch wäre nicht der Mensch, wenn er nicht schon neue, noch bedrohlichere Kriegstechnologien entwickeln würde. Krieg ist Tod und Zerstörung, aber auch Motor für Innovationen: Autonome und von Künstlicher Intelligenz gestützte Waffensysteme, Drohnen, maschinelle Datenanalyse verändern Strategien und Entscheidungsprozesse. Zu welcher Potenzierung der Vernichtung ist die Menschheit noch fähig? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn Algorithmen Ziele identifizieren? Welche Bilder vom Menschen prägen diese Technologien? Wessen Geistes Kind sind diese Zukunftsprodukte, wenn die Tech-Eliten mit Theoremen wie Transhumanismus, Singularität, Cosmism, Effective Altruism und Longterminism nicht nur der Demokratie, sondern bereits dem Großteil der Menschheit den Rücken zugekehrt haben? Die Frage, wer die ungeheuren gesellschaftlichen Kosten für das neue Wettrüsten zahlt, hat die Politik auf die lange Bank geschoben. Die Gefahren aus dem Klimawandel und endlichen Ressourcen für alle geraten aus dem Blick. 

Aktuelle und zukünftige Kriege stehen stets im Zusammenhang mit dem Erinnern und Vergessen vergangener Kriege. Tatsächlich ist unsere Erinnerung höchst selektiv: Manche Konflikte prägen das kollektive Bewusstsein, während andere aus ihm verschwinden. Welche Geschichten über Sieger:innen und Opfer werden erzählt, welche verschwiegen? Das Ringen um Haltungen in der Gegenwart ist immer auch ein Kampf um die Deutungshoheit der Vergangenheit – sichtbar in Sprache, Bildern, Ritualen und Ausstellungen.

Diese Ausstellung versammelt internationale künstlerische Positionen, die sich dieser neuen Realität stellen. Sie untersuchen technologische und militärische Transformationen, beleuchten Verschiebungen in Politik und Zivilgesellschaft und erzählen von Angst, Verlust und Flucht ebenso wie von Widerstandskraft und Solidarität. Sie offenbaren Lücken in der Erinnerungskultur, strategische Manipulationen und Propaganda. Auch wenn Krieg als „bedauerliches Faktum der Weltpolitik“ erscheinen mag, lässt die Ausstellung die zivilisatorische Kraft des Friedens nicht aus dem Blick. Sie lädt dazu ein, vertraute Gewissheiten zu prüfen und sich unbequeme Fragen zu stellen. 

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